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Mittwoch, 20 Februar 2019 17:23

30 Jahre FBSD und zum Internationalen Tag der Muttersprache am 21. Februar

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Endlich Klarheit über regionale Mundartkompetenz

Förderverein Bairische Sprache und Dialekte e.V. legt regionale Zahlen zur Mundartkompetenz aus einer Pilotstudie der Uni Salzburg vor – Alarmglocken müssen läuten!

Keine Mutmaßungen und keine Schätzungen mehr über die regionale Mundartkompetenz der Kinder und der Schüler in Bayern. Das wünschen sich schon seit langem die Mitglieder und die Vorstände, Horst Münzinger und Siegfried Bradl, des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte e.V., der in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiert. Doch Forderungen an das Bayrische Kultusministerium, eine Erhebung durchzuführen, wurden bisher stets abgelehnt. Aus Kostengründen und weil es nach Meinung des Ministeriums keine verlässliche und sinnvolle Untersuchungsmethode gibt.

FBSD beauftragt Uni Salzburg mit Pilotstudie

Die FBSD-Spitze ist anderer Meinung und hat deshalb auf eigene Kosten ein Pilotprojekt auf den Weg gebracht. Dazu wurde BA Eugen Unterberger von der sprachwissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg mit der Untersuchung der Mundart-Kompetenz und der sozialsprachlichen Hintergründe der Kinder und Schüler im Sprachgebiet Rupertiwinkel im südöstlichen Bayern beauftragt. Ziel dieser regionalen Untersuchung war es, zum einen, auf der Grundlage eines qualifizierten und bewährten Erhebungssystems die gegenwärtige Dialektkompetenz begründet darzustellen, und zum anderen, den Nachweis zu liefern, dass regionale Dialektkompetenz durchaus aktuell und fundiert erhoben und dargestellt werden kann. Auf dieser Grundlage sollen nach dem Wunsch des FBSD mit Unterstützung des Kultusministeriums auch in weiteren Regionen Bayerns Daten für die Abbildung der Mundartkompetenz in Kindergärten und Schulen erhoben und ausgewertet werden.
Für die Datenerhebung wurden von dem Sprachwissenschaftler Befragungen mit Ton-Aufnahmen in zwei Kindergärten, drei Grundschulen, drei Mittelschulen und in einem Gymnasium durchgeführt. Um lautsprachliche und sprachgestalterische Merkmale sowie die Bedeutungserkennung von Worten zu erfassen wurden 127 Kinder und Jugendliche anhand eines speziellen Fragenkatalog zum Kenntnisstand und zur Aussprache von Mundart-Begriffen sowie zum Sprachklang befragt.

In der Bayerischen Staatsregierung müssen die Alarmglocken läuten!

Das Ergebnis war für den Förderverein und selbst für die Sprachwissenschaftler der Uni Salzburg ernüchternd. Nur noch etwa die Hälfte der befragten Kinder und Jugendlichen in dem ländlich geprägten südostbayrischen Raum können noch dialektal oder dialektnah reden und verstehen. Reine Mundartsprecher sind in der Minderheit. Die andere Hälfte spricht ausschließlich standardnahes Deutsch oder Standarddeutsch. Bisher ging man von einer stärkeren Mundartdurchdringung im ländlichen Raum und von Schwächen in größeren Städten aus. Die Ergebnisse signalisieren, dass die Überlieferung von kulturell und geschichtlich wertvollen und einzigartigen Mundarten, an die nächste Generation bedroht ist. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam bereits 2009 die Weltkulturbehörde UNESCO. Deshalb stufte sie bereits damals, die bairische Sprache als gefährdet ein. „Da müssen doch im Kultusministerium und in der Bayerischen Staatsregierung alle Alarmglocken ununterbrochen läuten!“ so die FBSD-Vorstände.

Mundartkompetenz von Herkunft der Eltern abhängig

Ein Grund für Mundartkompetenz ist der Studie zufolge die Herkunft der Eltern. Kinder, deren Eltern aus Altbayern kommen, sprechen zu 90 Prozent auch bairischen Dialekt. Kinder mit Eltern aus Österreich sprechen zu 75 Prozent Mundart. Schon weniger Kinder, nämlich nur noch 25 Prozent, sprechen Mundart, wenn eines der beiden Elternteile nicht aus dem bairischen Sprachraum kommt. Und kommen beide Elternteile aus Franken, aus Schwaben oder von außerhalb des bairischen Sprachraums, sprechen deren Kinder ausschließlich Standarddeutsch.

Dialekttafel „I lern Boarisch“

Die Gründe für den dramatischen Schwund der Mundartkompetenz - auch im ländlichen Raum - liegen zumeist in der binnendeutschen Zuwanderung und der Auslandsmigration. Die Untersuchung ermittelte zudem, dass seltener der Bildungshintergrund der Eltern dafür sorgt, dass die Kinder Standarddeutsch reden. Generell dürfte die Wahl der sprachlichen Variation stark mit der Identität und der Integration in einer bestimmten sozialen Gruppe in Zusammenhang stehen. Speziell die Kinder aus Migrationsfamilien mit einfachem Bildungshintergrund würden nach Aussage der Studienautoren von einer Schulung des Dialekts der Umgebung profitieren. Denn viele von ihnen sind später in beruflichen Kreisen tätig, in denen die normale Sprachverwendung eher dialektal als standarddeutsch geprägt ist. Der FBSD verweist in diesem Zusammenhang auf die starke Nachfrage nach der Dialekttafel „I lern Boarisch“ (auch für Fränkisch und Schwäbisch erhältlich) mit Piktogrammen und Worterklärungen, die der FBSD initiiert und gemeinsam mit dem Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung 2017 erstellt und veröffentlicht hat.

Ausbildung und Schulbuchreform notwendig

Nach Meinung des FBSD liefert die Untersuchung wichtige Erkenntnisse über Sprachkompetenz und Sprachgebrauch unterschiedlicher Gruppen, die durch eine Erfassung weiterer Sprachregionen in Bayern noch genauer werden dürften. Der Verein sieht deshalb nun die Bayerische Staatsregierung und das Bayerische Kultusministerium in der Pflicht, ihrer Aussage im Koalitionsvertrag: „Mundart ist Teil unserer Identität. Daher führen wir einen Unterrichtsschwerpunkt „Mundart und regionale Kultur“ in der Schule ein“. nun ohne Verzögerung konkrete und vor allem wirkungsvolle Maßnahmen folgen zu lassen. Der FBSD hat dem Kultusministerium bereits Vorschläge für eine Diskussion und Ausarbeitung gemacht:

Integration der Themen Mundart, heimatliche Sprachgeschichte und Volksmusik in die Aus- und Weiterbildung angehender und praktizierender Lehrkräfte (Lehrkräften fehlt häufig der Wissenshintergrund zu Mundarten und Volkskultur!)

Anpassung der Schulbücher an die Ansprüche zur Förderung der Mundarten aus der Sprachpolitik Bayerns, des Bundes und der EU (Untersuchungen der Uni Augsburg belegen eine erschreckende Abwertung der Mundarten in Schulbüchern!)

Konkretisierung verbindlicher Lerninhalte zum Thema Dialekt in den Lehrplänen Plus und Bereitstellung praxisorientierter Materialien (Bisher überwiegend abhängig von der Kompetenz und der Initiative der Lehrkraft!)

Einführung vorbereitender Unterrichtsstunden über den Jahreslauf (weltlich und geistlich): Lieder, Tänze, Musik, Texte und Brauchtumswissen - ca. 70 - 80 % über ganz Bayern und ca. 20 - 30 % regionsbezogene Inhalte (Angebote bisher nur auf freiwilliger Basis!)

Erhebung der Mundartkompetenz nach Regionen bei Kindern in Kindergärten und Schulen (Bisher gibt es keine verlässlichen Angaben zur Mundartkompetenz in der jüngeren Generation als Grundlage für konsequente Fördermaßnahmen!)

Einbeziehung der Mundartvereine und der Volkskulturvertreter in die Entwicklung von Fördermaßnahmen (Bisher werden Erfahrung und Kompetenz der Vereine und Ehrenamtlichen meist missachtet und völlig zu Unrecht geringgeschätzt!)

Initiierung der Aufnahme der Regionalsprachen - Bairisch, Fränkisch und Schwäbisch-Alemannisch in die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (Bisher von Bayern abgelehnte Aufnahme würde die Förderung der Regionalsprachen und Mundarten erleichtern!)

Schaffung einer „Akademie für die oberdeutsche Sprache und Dialekte“. (Eine Zusammenfassung regionalsprachlicher Themen in einer Organisation schafft Transparenz sowie wertvolle Grundlagen für die Entwicklung wirkungsvoller Förderprojekte!)

Weitere Informationen

  • Erscheinungsdatum: Sonntag, 17 Februar 2019
  • Quelle: FBSD
  • Autor: Horst Münzinger
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