Samstag, 23 Februar 2013 19:08

"De Gluad weidagebn"

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Pfaffenhofen (PK) „Sprechen Sie Bairisch“ Immer mehr Landkreisbürger müssen diese Frage mit Nein beantworten. Die Unesco zählt die heimische Mundart sogar zu den bedrohten Sprachen, an die am heutigen 21. Februar der „Tag der Muttersprache“ erinnern soll. „Mia san mia“: Kaum ein Spruch beschreibt die Bayern-Seele besser als dieser – „aba wia lang no“, könnte die Antwort von Pessimisten lauten. Ist das „Bairische“ vom Aussterben bedroht? Die PK-Redaktion sprach mit Siegfried Bradl, Zweiter Vorstand des Fördervereins für Bairische Sprache und Dialekte – auf Bairisch.

Lesen Sie den kompletten Artikel unter: http://www.donaukurier.de/2720213

(Textauszug und Link mit freundlicher Genehmigung des Pfaffenhofener Kuriers)

 

Und hier im Anschluß eine Mitschrift des Originalinterviews von Sigi Bradl:

 

PFAFFENHOFENER KURIER

Rudi Gegger - stv. Leiter Lokalredaktion Pfaffenhofen

Interview‐Fragen

Griaß eahna  Good, Herr Bradl. An eigana Dog für d‘ Muttasprach hod d’ Unesco scho vor üba zehn
Johr ausgruafa, um auf vom Aussterbn bedrohte Dialekte aufmerksam zum Macha. Steht unsa
Boarisch wirkle scho auf oana rodn Listn, wie d’ Moorantn oder d’ Auerheena? Gibt’s ebba in fuffzg
Johr gor koa Boarisch mehr?

Ja, vo da UNESCO is am 21. Februar 2000 der „Internationale Tag der Muttersprache“ ausgruafa
wordn. Vo de ca. 6.000 Sprachn, de heid no wejdweid gsprocha werdn, san noch Einschätzung der
UNESCO 50 % vom Verschwindn bedroht. Der Dog soi de Sprachnvuifalt und den Gebrauch der
Muaddasprach fördern und dees Bewußtsein für sprachliche und kulturelle Traditionen stärkn.
Aus Sorg um de boarische Sprache homm bereits im November 1989 Weiba‐ und Maanaleit den
Förderverein Bairische Sprache und Dialekte e.V. (FBSD) ins Lebm gruafa.  
De heitige Situationsanalyse schaugt  zusammenfassend a so aus:
‐ Da Anteil der junga Bevölkerung de in Bayern boarisch und Mundart redt, schrumpft dramatisch.  
‐ Standard‐ und nordisches Hochdeutsch dominiern ned nur in de Städte, sondern keema immer  
  weida naus aufs Land.  
‐ De Weitergab der boarischen Sprach und Mundarten an de nachfoigenden Generationen is  
  deshoib gefährdet.
Darum hod de UNESCO  2009 aa „Bairisch“ den bedrohten Sprachn zugeordnet.
In fuffzg Johr werds sicher koa so a Boarisch mehr gebm, wias mia heid keene. Aba dees war scho
immer so: De Sprach hod se immer verändert und war immer Einflüssen vo außen ausgsetzt. Im
Boarischen homma z.B. vui Begriffe französischer, italienischer, lateinischer und gotischer
Herkunft. Grod durch de Globalisierung und de Mobilität der Leid dreen de Einflüsse in unsara Zeit
verstärkt auf und de Veränderungsintervalle werdn immer kürza. Mia werdn dees aber ned groß
ändern keena. Wichtig ist jedoch, daas mia unsare Junga den Wert der Sprach und daas ma auf de  
stoiz sei keena, weida gebm. Damit deama ned de Asche bewahrn, sondern de Gluad weidagebm.

Dass dees, wos de meistn Leid in Minga drobm redn, nur no a bissal wos mit Boarisch zum Doa hod,
is ja nix Neis. Vui Mingara sogn aba, des is hoid a gepflegts Bairisch – und koa gscheerts. Wos moand
denn do dazua da zwoade Vorstand vom Förderverein Bairische Sprache und Dialekte e.V.?

Ja, dees is woi richtig, daas ma in Minga immer weniger boarisch  ‐  I daad liaba Münchnerisch
sogn.  ‐  redt. Dees hängt vor allem damit zamm, daß imma weniga „echte „ Münchner gibt, d.h.
Leid, de dort no aufgwachsn san und dees Lebensgfuih bzw. ‐philosphie in ihrm Herzn drogn. De
meistn, de heid in Minga boarisch redn, san von de verschiedenen Regionen in Bayern (und darüba
naus) zuazogn. De Differenzierung zwischen gepflegts und gscheerts Boarisch mog i ned. Dees
Entscheidende is de Filigranität und de Vielfalt der Mundarten. Solang in am übaschaubaren Raum
für heitige Verhältnisse a gscheerda Dialekt gsprocha wird, hod dees damit zum Doa, daß vo außen
Kemmade dees anders erleben und verstenga. Solang a jeda selbstverständlich woas, wos damit
gmoant, werds a ned ois gscheert empfundn. A guads Beispiel is für mi dees Wort „soacha“ bzw.
„brunzn“ (zum Wasserlassn auf de Toilette gehen).

Im Fernsehn homms bei Interviews mit boarische Sportla oda andere Sendunga „Originalton Süd“
drunta gschriebm. Und in so manche Fuim kimmt da Bayer a diamoi ois oana rüba, der am liabstn
fünf Maß Bier am Dog sauft und ned grod da Gscheida is. Dialekt redn, hoaßt dumm sei – is des de
Botschaft, de vor oim bei de junga Leid rüberkummt? Und: Wia konn man do am bestn dagegn
steiern?

I find de mediale Darstellung (Radio und Fernsehn) vo Bayern ganz schlimm. A Umfrage des
Bayerischen Rundfunks vor 2 – 3 Johr hod ergebm, daas de Leid d‘ Landschaft, de Berg und deen
Dialekt ois ganz typisch Boarisch empfindn. Wenn ma dann de werbliche Darstellung Bayerns
oschaugt, so findt ma de Berg wieda, verbundn mitm blaua Himme und Leid, de schuahblattln,
Tracht drogn (Lederhosn, Wadlstrimpf, Haferlschuah und an Gamsbort am Huad) und Bier litaweis
dringa. Oisa: A komplett anders Buidl! Do i soiba in dem Bereich tätig war, woaß i, daß in dera
Branche heid no ganz wenig echte Bayern gibt. Wia soi i oiso wos rübabringa, dees i gor ned kenn?
Daas da Dialekt bei de junga Leid ois „dumm sei“ rüber kimmt, stimmt so ned. Mia erlebn grod bei
Leid ab 25 Johr, de ans Heiradn und ans Kindagriagn denga, daß de Wurzeln und de Identität, de
grod durch den Dialekt ziemlich stark geprägt werdn (Do bin i dahoam und do konn i redn, wia mia
da Schnobe gwachsen is!), ganz wichtig is. Zugleich woaß ma heid aufgrund neiasta Erkenntnisse
der Hirnforschung, daß dees zwoasprachige Aufwachsn in Mundart und Hochsprache de beste
Basis für a spaaderes Erlernen vo Fremdsprachn is.
Wia zerst scho amoi gsagt, miassn mia de junga Leid den Wert und den Stoiz auf unsa
Muaddasprach vermitteln. I bin a überzeigt, daß nur der, der woaß, wo er hikimmt, a woaß wo a
higeh soi.
Vo de Kinder, über de Eltern bis zu de Großeltern miaß ma olle mitanand mitnehma und dazua
bringa, daß wieda selbstbewußt boarisch redn. Wichtig erscheint ma dabei, daß ma uns dabei aber
immer auf unsa Gegenüber, dees hoaßt den Gesprächspartner und sei Vermögen, Dialekt zum
Versteh, eistoin miaßn, ohne uns sofort immer zu 100 % dem ozumbassn  ‐  so wias heid ganz oft
bassiert.

Maanda, Irda, Migga, Pfinzda, Freida, Samsda, Sunnda. Das dees de oidboarischen Nama vo de
Wochadog san, wissen meistns nur no unsare Opas und Omas. Kenna Sie grod unsera junga Lesa no a
bor oide Ausdrück sogn, um dees schod is, wenns aussterbm daan?

Dees Verschwindn vo Ausdrücke hods scho immer gebm. I mechad nur oa Beispiel, warum dees so
is, oführn: Da Strukturwandel vo da Landwirtschaft (aa innerhoib der Landwirtschaft soiba) zur
Dienstleistungs‐ und Servicegesellschaft. Vui Tätigkeiten, de friaha selbstverständlich warn, gibts
heid nimma und damit verschwindt natürlich a da damit verbundene Wortschatz.
Wünschn daad i ma, daß ma vor allem wieda mehra auf unsa „süddeutsches Hochdeutsch“ achten.


Do san a boor Beispiele, de oregn soin dazua, drüba nachzumdenga, wia mia heid oft redn:

Bairisch anstatt Hochdeutsch
Beißzange / Beißzanga Kneifzange
bohren  / bohrn  pulen
Christkind / Christkindl   Weihnachtsmann
einen Einser bekommen / an Oansa griagn eine Eins bekomm`
Freund, Spezi / Freind, Späzi Kumpel
gelbe Rüben / goibe Ruabm  Karotten, Möhren
grantig            unwirsch
Grüß Gott / Griaß Good  Guten Tag oder Tschüß
gut (schmeckt gut) / guad  lecker
Heiliger Abend / Heilger Ombd  heilich Abend
ich gehe in die Kirche / i gäh in d‘ Kircha ich gehe zur Kirche
Kaminkehrer, Rauchfangkehrer Schornsteinfeger
Knödel / Knödl  Klöße
narrisch           irre
raufen / raffa kloppen
Reherl / Räherl   Pfifferlinge
rote Rüben / Raana rote Beete
Samstag / Samsta Sonnabend
schaufeln / schaufeen  schippen
Schuhbandl / Schuahbandl Schnürsenkel3
Schwammerl / Schwammerl   Pilze
Schweinsbraten / Schweinsbrodn Schweinebraten
Semmel / Semme Brötchen
spaßig             ulkig
Wirtshaus            Kneipe     
zusperren / zuasperrn  zuschließen   
zwicken / zwicka  kneifen  

… usw.

„Nackert“: Mit dem auf boarisch gsungana Liad hättn de Musiker vo LaBrassBanda beinah den

deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest  gwunna. De Zuschauer hods sauguad gfoin, de
Jury hod se aba ned draud de Buam nauf noch Schweden zum Schicka. S‘ Siegaliad vo Cascada werd
auf Englisch gsunga – aba vielleicht baßt des ja bessa zu Deitschland ois Boarisch. Schammt ma se bei
de Radio‐ und Fernsehsenda für seine Mundart‐Gruppn oder warum werd dort eigentli so wene
Boarische Pop‐Musi gspuit?

Dees wos i olles zu Boarisch gsagt hob, guit für mi a für deen Erhalt der deutschen Sprache.
Aufgrund vo da Globalisierung und da Mobilität werd bei da uns imma mehra Englisch gredt und is
imma mehra Englisch  ‐  vor allem musikalisch  ‐  medial zum Hearn. I glaab dees hängt zum oana
mit unsam deutschen Selbstbewußtsein und de zwoa verlorna Weltkriege zamm. Zum andern liegt
dees sicha aa am Kommerz der Musikbranche und de Fernseh‐ sowia Rundfunkanstalten. De
Unternehmen werdn heid knallhart gführt und dees „Benchmarking“, dees hoaßt da Vergleich mit
de Wettbewerbsender, spuid a ganz a große Roin. Do dazua keema na no de Einschaltquoten. I
glaab ned, daas ma se wega de Mundart‐Gruppn schammt. Um dees Lebensgfuih und de Mentaliät
vo uns Boarn wiedaspiagln zum Kerena, muaß ma bei uns geborn sei. Scho da Herbert Schneider, a
Münchner Turmschreiber, hod gschriebm, „Boarisch konnst ned lerna, ned studiern, im Herzn
drinna muaßt as spüarn. …“. Oft san hoid in de besagten Unternehmen Manager am Werk, de ned
vo do san und damit  ‐  neba dem wirtschaftlichen Erfolgsdruck  ‐  a nimma dees Gspür homm,
Bayern so zum Darstoin, wias de Menschn empfindn und liabm.

Sie selba san Volksmusikant, auf ehnam Facebook‐Auftritt sieght ma sie ois Hochzeitsloda in Tracht
mit am mit Bleame gschmücktn Rosenhoizstock in da Hand. Sans uns ned bääs – aba so stoid se da
Preiß woih a so an richtign Klischeebayern vor.  Moi hochgstocha gfragt: Wo heard de Tradition auf,
wo fangt da Kitsch o? Is für an echtn Bayern d’ Ledahosn Pflicht oda langts, wenn a selbstbewusst
sein Dialekt in d’ Welt naus trogt?

Dees is jetzt scho ganz schee hart formuliert. Aba i hob koa Problem damit. I soiba waar üba 25
Jahr in ganz Europa unterwegs und siegh mi ned ois Klischeebayer. In meiner Jugendzeit war i ganz
überzeigt, daß jetzt kloanste Detail z.B. vo da Tracht bassn muaß. Spaada hob i dann a Phase
ghabt, wo i ma dengt hob, daas mei Volksmusi in da Jeans a ned schlechta klingt ois in da Tracht.
Durch dees vui Unterwegssei und dees Redn mit andere Europäer sowie durch de Gegenbesuche
vo deene bei uns in Bayern, hob i den Wert unsara Traditionen nomoia ganz a Stickal anders
erlebm derfa. Dees hod mi a dazua gführt, ganz stoiz wieda mei Tracht  ‐ i sog eigentlich liaba „mei
Gwand“  ‐ ozumziagn und her umzoagn. Wissen muaß ma do dazua, daß sa se dobei um dees
absolute Festtagsgwand handelt, dees friahas und a heid no nur zu ganz besondere Anläße ozogn
wordn is  ‐  und a Hochzeit is no amoi a so oana. Danebm spuit aba a no de Achtung dem Andern
gegenüba a große Roin: I ziagh mi für di bzw. dein Festanlaß schee o. Dees Gwand hod aba a vui
mit da eigana Persönlichkeit zum Doa: Der bin i, dees ziagh i o und in dem Gwand fuih i mi woih. I
moan fast, daß uns dees alles in unsara Zeit a bisserl abhandn keema is  ‐  genauso wia aa de
Lebenstaktung. Damit moan i dees Lebm mit da Natur und dem Jahresablauf oder des Feiern der
kirchlichen und weltlichen Feste übers Jahr.
Zruck zum Keema zu Ihre Fragn glaab i, daß a jeda für sich soiba definiern muaß, wos für eam
Tradition und wos für eam Kitsch is. Für mia is Tradition ganz was Wichtiges, allerdings ned, daß
ma damit erstarrt, sondern daß de de Basis gibt, um sich zukünftig guad weiterentwickeln zum
Keena. Wenn i sog de Basis, dann moan i für mi damit de regionale Volkskultur, in der i groß wordn
bin und in der i durch des unterwegs sei mit de oidvorderen Protagonisten, vui vo deene hob lerna
derfa.  
Für deen, der ned woaß, wos i mit Volkskultur moan, mecht i no sogn, daas domit de regionale
Volksmusi, da Volksgsang, da Volkstanz, des Gwand, de Sittn und Bräuche, de Baukultur und de
Mundart dazua ghearn.
In unsa immer mehre oberflächlich werdenden Welt, daad i mia wünschn, daas de Leid soiba
wieda mehra drüba Nachdenga, wos deanga und wias handeln. Und übrigens: Für mi ois echtn
Bayern  ‐  Wos is eigentlich „echt“?  ‐  is d’ Ledahosn koa Pflicht. Mia glangts, wenn jemand sein
Dialekt selbstbewusst in d’ Welt naus trogt. Wenn a dees duad, dann baßt a dees Andere.

Vergoids Good für dees Interview.

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Gelesen 2736 mal Letzte Änderung am Montag, 25 Februar 2013 12:35