(InterRed)

Mit Kindern die sprachliche Vielfalt in der Euregio Salzburg-Berchtesgadener Land - Traunstein erforschen, reflektieren und ausbauen

Lead-Partner: Universität Salzburg (Fachbereich Germanistik)

Kooperationspartner: Förderverein Bairische Sprache und Dialekte (http://www.fbsd.de/)

Ansprechpersonen der Universität Salzburg: Univ.-Prof. Dr. Andrea Ender (), Univ.-Ass. Dr. Irmtraud Kaiser (), Eugen Unterberger, MA ()

In Zusammenarbeit mit:



und


 

Projektbeschreibung:

Im hier beantragten Projekt soll an verschiedenen Schulen auf Primar- und Sekundarstufe I im Grenzraum Salzburg/Bayern ein Programm durchgeführt und evaluiert werden, das die Wahrnehmung, Bewertung und Reflexion der so genannten ‚inneren Mehrsprachigkeit‘ in den Mittelpunkt stellt. Damit ist die sprachliche Vielfalt zwischen den Polen Dialekt und Standardsprache gemeint, die in weiten Teilen der Grenzregion Salzburg/Bayern noch eine bedeutende Rolle spielt. Damit verbunden sind viele gesellschaftlich verbreitete Be- und Abwertungen von Sprachvarietäten und in Zeiten von Binnen- und Außenmigration auch viele Fragen von (sprachlicher) Zugehörigkeit/Integration. Fragen von Identität und Zugehörigkeit in Kombination mit weit verbreiteten stereotypen Bewertungen von Sprachvarietäten führen aber oftmals zu einer verschärft wahrgenommenen Opposition zwischen 'Dialektsprechern' und 'Hochdeutschsprechern', die keine sein müsste.

Der Lead-Partner Universität Salzburg entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Förderverein bairische Sprache und Dialekte und unter Einbezug bereits existierender Materialien aus Bayern Unterrichtsmaterialien für die Erarbeitung eines grundlegenden soziolinguistischen Verständnisses und bewussten Umgangs mit Sprachvarietäten. Die wissenschaftliche Arbeit zur Entwicklung des Programms geschieht dabei in Anlehnung an bereits erfolgreich durchgeführte Projekte aus dem angloamerikanischen Raum (z.B. Siegel 2006, Bucholtz 2014). Die Schüler/innen werden darin angeleitet, über ihr eigenes Sprachrepertoire und ihre sprachliche Umwelt nachzudenken, gängige Bewertungen und Stereotype kritisch zu hinterfragen und Sprachvarietäten als wichtigen Teil von Identität und sozialer Zugehörigkeit zu erfahren. In der Folge werden vom Lead-Partner Schulungen für die Lehrer/innen (dauerhaftes Lehrerfortbildungsmodul) an den kooperierenden Schulen durchgeführt. Zwischen den Schulen werden Schulpartnerschaften unterstützt. Die Durchführung des Programms wird von der Universität Salzburg wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Eine öffentlichkeitswirksame Auftakt- und Abschlussveranstaltung runden das Gesamtprojekt ab.

Hintergrund:

Kinder wachsen in Österreich und Bayern zwischen den Polen Dialekt und Hochdeutsch auf (für Österreich vgl. Ender/Kaiser 2009; Kaiser/Kasberger im Ersch.; für Bayern vgl. Hochholzer 2004 u.a.; Bräuer/Wildfeuer 2015; Unterberger 2018). Salzburg und (große Teile von) Bayern teilen dabei eine lange Geschichte, die sich unter anderem in eng verwandten Basisdialekten zeigt. So ähnlich wie die dialektale Basis ‚drent und herent‘ ist auch die soziolinguistische Situation diesseits und jenseits der Staatsgrenze. Dies zeigt sich z.B. in Bezug auf die Bewertungen von Dialektsprecher/innen (z.B. stereotyp als ‚bäuerlich‘, ‚ungebildet‘, aber auch ‚sympathisch‘) und Standardsprecher/innen (z.B. stereotyp als ‚gebildet‘, ‚kompetent‘, aber auch ‚arrogant‘ und ‚unsympathisch‘). Klar feststellbar ist in beiden Regionen auch ein Land-Stadt-Gefälle, was die Dialektbeherrschung und den Dialektgebrauch betrifft.

In jüngerer Zeit spielt sowohl in Bayern als auch in Salzburg die Migration aus dem eigenen und aus anderen (nicht-deutschsprachigen) Ländern eine große Rolle und die Frage, wie man die Integration der Neu-Ankömmlinge fördern kann. Dass die Sprache bei der Integration eine wesentliche Rolle spielt, ist unumstritten, jedoch scheint uns wesentlich, dass dabei nicht nur die Standardsprache mit ihrer bildungssprachlichen Funktion (Morek/Heller 2012) berücksichtigt wird, sondern auch die regionalen Dialekte und Umgangssprachen, die für die lokale und soziale Integration – je nach Kontext – eine mindestens ebenso wesentliche Rolle spielen. Dialektale und regionale Sprechweisen haben demnach wichtige sozial-symbolische Funktionen und auch sprachliche und kognitive Vorteile von ‚innerer Mehrsprachigkeit‘ werden zunehmend diskutiert (vgl. Berthele 2008; Papapavlou/Phili 2009; Kyriakos et al. 2016; Vangsnes et al. 2017).

Beides zu beherrschen, kann Schüler/innen also viele Wege öffnen, auch Schüler/innen mit Migrationshintergrund. Dementsprechend sollen Schüler/innen den Mehrwert eines ausgebauten Sprachrepertoires, d.h. der Beherrschung von Dialekten, Standardsprachen und anderen Sprachen und Varietäten erfahren und sich selbst in durchaus mehr als einer Varietät des Deutschen wohlfühlen (vgl. Kaiser/ Ender im Ersch.). Denn um kompetente Sprachbenutzer zu werden, müssen Schüler/innen lernen, mit dieser innersprachlichen Vielfalt umzugehen und diese kritisch zu reflektieren – die Schule spielt dabei eine wichtige Rolle.

Gegenwärtig wird dem Thema Sprachvariation und Dialekt in Österreich wenig Raum in der schulischen Bildung und der Lehrerfortbildung geboten; in Bayern hat das Thema einen stärkeren, auch verfassungsrechtlich verankerten Stellenwert und es wurden bereits diverse Materialien erarbeitet (Handreichung "Dialekte in Bayern" 2015, Handreichung "MundART WERTvoll – Lebendige Dialekte in Bayern" 2019), aber auch hier ist der Umgang in der Praxis noch recht unterschiedlich ausgereift.

Insbesondere fehlen in unserem Sprachraum bislang Untersuchungen zur Frage, inwiefern ein spezifisch soziolinguistisch-kritischer Zugang, der auf Sprachbewusstheit und Registerkompetenz abzielt, effektiv und erfolgreich sein kann. Hinweise auf das erfolgsversprechende Potenzial eines solchen "critical awareness approach" liegen insbesondere aus dem englischsprachigen Raum vor (Siegel 2006; Cheshire 2007). Im vorliegenden Projekt sollen durch einen solchen innovativen soziolinguistisch-kritischen Zugang gängige Dynamiken aufgebrochen werden, Raum für sprachliches 'Sich-Ausprobieren' und die Erforschung der unmittelbaren sprachlichen Realität sollen Hemmungen ab- und Verständnis aufbauen. Die Ergebnisse aus dem beantragten Projekt würden somit den Forschungsstand mit lokalem Bezug erweitern und wichtige Evidenz und Leitlinien zum Umgang mit Dialekt-Standard-Variation im Raum Salzburg-Südostbayern für das Bildungswesen und die Schulpraxis bereitstellen. Die unterschiedlichen Erfahrungen dies- und jenseits der Grenze werden vom Projekt auch nutzbar gemacht: Durch den Austausch von Erfahrungen, die Lehrer/innen und Schüler/innen mit verschiedenen politischen, pädagogischen und didaktischen Zugängen gemacht haben, treffen unterschiedliche Sichtweisen zur Thematik aufeinander, die direkt zur soziolinguistischen Reflexion anregen. Somit soll letztlich die Wertschätzung der regionalen Sprachvielfalt über die Schulen auch in die Familien und die Gesellschaft getragen werden, wo viele Be- und Abwertungen wurzeln.

Arbeitspakete des Projekts:

  • Aufbauen eines Kooperationsnetzwerkes
  • Öffentlichkeitsarbeit und Verbreitung von Information, Begleitungsmaterial sowie Etablierung von Schulpartnerschaften
  • Wissenschaftliche Begleitung und Materialaufbau für ein grenzüberschreitendes Fortbildungsmodul
  • Entwicklung und Etablierung eines dauerhaften Fortbildungsmoduls während des Projektes und darüber hinaus

Das Programm wird von der Universität Salzburg wissenschaftlich begleitet und evaluiert, um die Wirkung im Hinblick auf wahrgenommene Sprachbarrieren und vorhandenes Sprachbewusstsein auf Seiten der Schüler/innen, aber auch die vorhandenen Kompetenzen der Lehrkräfte im Umgang mit dem Thema feststellen zu können. Das Programm ist innovativ, da bislang zwar Materialien für den Schulkontext insbesondere im bayrischen Raum entwickelt wurden, der Blick aber im hier vorliegenden Projekt auf das sprachliche Gesamtrepertoire und die soziolinguistische Einbettung erweitert wird. Zudem handelt es sich erstmals um ein längerfristig und großflächig begleitetes und evaluiertes Programm. Die Erweiterung auf die grenzübergreifende Perspektive und die dadurch erfolgende Stärkung des gesamten zusammengehörigen Raumes ist neuartig und die Erkenntnisse des Projekts werden durch die Zusammenarbeit mit dem FBSD öffentlichkeitswirksam nach außen getragen.

Ziel und Nutzen des Projekts:

Wir erwarten uns einen Fortschritt in der grenzüberschreitenden Fortbildung von Lehrkräften zum Thema "Sprachvariation" – im Grenzgebiet ist es üblich und gelebte Praxis, dass Lehrerfortbildungen grenzüberschreitend genutzt und anerkannt werden. Zudem soll die Materialbasis evidenzbasiert verbessert und Forschungsergebnisse zur inneren Mehrsprachigkeit der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Synergien:

2019 wurde das Projekt MundART WERTvoll von der Stiftung Wertebündnis Bayern (existiert seit 2010, vom Bayerischen Ministerpräsidenten initiiert) abgeschlossen. Ziel des Projektes war es, Mundart als Bereicherung für den Sprecher erkennbar zu machen und diesen zu fördern. Die neue Handreichung ("Lebendige Dialekte an bayerischen Schulen") soll den Lehrkräften Impulse für die Beschäftigung mit Mundart im Unterricht geben und für die Verbreitung der Dialekte an den Schulen werben. Die Handreichung ist für ganz Bayern und somit für unterschiedlichste dialektale Ausprägungen konzipiert. Das gegenwärtige Projekt baut darauf auf, fokussiert aber auch dialektologisch das Grenzgebiet und geht wissenschaftlich in die Tiefe, indem der Blick auf den Mehrwert eines ausgebauten Sprachrepertoires erweitert wird und die soziolinguistische Einbettung (Wahrnehmungen, Bewertungen, Ideologien, soziale Bedeutung von Sprachvarietäten) einbezogen wird. Neuartig ist zudem, dass erstmals auch eine Evaluierung der Effektivität des schulischen Programms durchgeführt wird.

(Hier die Originaldatei zum Herunterladen)

Zusätzliche Informationen